Das pädagogische Konzept

           

Quelle: Broschüre

       

ZURÜCK

  Ziele  
           

Im Mitmachzirkus sollen die Kinder aus sozial benachteiligten und bildungsfernen Familien vor allem in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden. Die Zirkuswoche selbst hat zum Ziel, das Gemeinschaftsgefühl in der Klasse zu fördern und sozialen Ausgrenzungen innerhalb der Klasse entgegenzuwirken. Darüber hinaus strebt das Projekt an, Kinder durch die Erlebnisse und Erfolge während des Projektes dazu anzuregen, sich häufiger körperlich und krativ zu betätigen. Den Lehrern bietet der Mitmachzirkus die Gelegenheit, ihre Schüler in einem ganz anderen Umfeld zu erleben. Außerdem erhalten sie wertvolle Anregungen für ihren Unterricht und die Projektarbeit in der Schule ( z.B. für die Einrichtung einer Zirkus AG ). Die Aufführung bezweckt überdies, die Eltern für die Entwicklung insbesondere der motorischen Fähigkeiten ihrer Kinder zu sensibilisieren.

 
 
 
 
 
 
   
   
   
           
           
  Projektablauf und Lernbereiche  
           
 

Es ist Montagmorgen, 08.30 Uhr, heute beginnt die auf dem Gelände und in den Zirkuszelten des Zirkus Mondeo stattfindende Zirkusprojektwoche für die Kinder der 2. und 3. Klasse einer Neuköllner Grundschule. Nach einigem Hin und Her verteilen sich die Schüler auf den Zuschauerbänken im Zirkuszelt.. Gerhard Richter, der Zirkusdirektor, begrüßt sie und stellt auch seine eigenen Kinder vor. Julia, Marco und Dennis. Sie werden mit ihm gemeinsam das Training durchführen. Alle Kinder sind sehr aufgeregt, umgeben von so viel Neuem. Der Zirkusdirektor ruft jetzt ein Kind nach dem anderen auf, damit es sich zu seiner "Disziplin" ( für die es sich vorher eingetragen hat )  in die Manege begibt. Die immer wieder falsch ausgesprochenen, weil fremdländisch klingenden Namen lösen Lachsalven aus und lockern die Stimmung. Die jungen Trainer setzen sich zu ihren Gruppen und sorgen für Ordnung. Nachdem die gruppen eingeteilt sind, und jeder weiß, wo sein Training stattfindet, verschwindet die Hälfte der Kinder in unterschiedlichen Zelten. Die anderen dürfen in der Zeit Fußball spielen oder zu den Tieren gehen. Später sind auch sie mit ihrem ersten Training dran.

 
 
 
 
 
 
 
 
   
   
           

Nach Aussagen von Gerhard Richter fehlt vielen Kindern Körperspannung, auch ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung ist häufig unterentwickelt. Um ihnen Erfolgserlebnisse zu vermitteln, stellte er für die Projektwoche hauptsächlich ganz einfache, aber effektvolle Übungen zusammen, mit denen die Muskulatur ( Bodenakrobatik, Trapez ), die Koordination ( Tanz, Tempotrampolin ) und der Gleichgewichtssinn ( Jonglage ) trainiert werden. Durch altersübergreifende Gruppen und die gemeinsame Erarbeitung einer Zirkusnummer sowie durch den Umgang mit Tieren stärken sich außerdem der soziale Zusammenhalt und das Selbstvetrauen der Kinder

 
 
 
 
 
 
   
           
 

Die Bodenakrobatik-Gruppe trifft sich im großen Trainingszelt, das mit einer dünnen Matte ausgelegt ist. In den nächsten vier Tagen wird Dennis dieser gruppe beibringen, eine große Pyramide zu bilden und in zügiger Folge Doppelrollen durchzuführen. Kinder, die schon etwas mehr können, dürfen das Puplikum auch mit einem Handstand auf Dennis Armen beeindrucken.

 
   
   
   
           
 

Bemerkt der Zuschauer Kinder, die etwas zaghaft sind, spricht er ihnen Mut zu, wie beispielsweise dem elfjährigen Mädchen aus der Tempotrampolin-Gruppe. Nach einigem Zögern nimmt sie Anlauf und alle Kinder drum herum rufen einstimmig: "Ja, du schaffst es!" Das zierliche Mädchen setzt zum Sprung über Trainer Marcus an und landet zielsicher auf der Matte. Vor Freude über den Erfolg hüpfen alle Kinder auf und ab und können es kaum erwarten, selbst wieder anzutreten.

 
   
   
   
   
           
 

Die Kinder aus der Trapez-Gruppe trainiert Julia. An den ersten Tagen werden ganz einfache Dinge geübt. Erst nach und nach lernen die Kinder allein oder zu zweit längere Bewegungsabfolgen. "Du mußt dich so bewegen, dass es ganz elegant und leicht aussieht!", sagt Julia und zieht das Trapez nach oben. Die anderen Kinder sitzen unten und staunen. Auch sie wollen wie richtige Artisten in luftiger Höhe turnen. Besorgten Lehrerminen entgegnet Julia ein beschwichtigendes "Absolut ungefährlich"!". Einhändig und mit sicherem griff hebt sie das nächste kleine Mädchen auf den schaukelnden Holm, sofort bereitet es sich konzentriert auf den Höhenflug vor. "Auf das Werfen kommt es an, dann geht das Fangen von ganz allein", verrät Daniel, der neben Marco eine Gruppe bei den Jongleuren und Tellerakrobaten ehrenamtlich betreut. Am Anfang fliegen die Ringe quer durch den Raum, die Teller fallen unzählige Male auf den Boden. Unermüdlich heben die Kinder sie immer wieder auf. Sie trainieren im Hauptzelt, dort, wo am Ende der Woche die Vorstellung stattfindet. Noch ahnen die Kinder nicht, dass sie Teil einer lustig arrangierten mexikanischen Show sein werden, in der sie, begleitet von kleinen Eseln mit Mexikohüten, ihre Eltern mit ihren Tellerdrehkünsten beeindrucken können. Tag für Tag erweitern neue Elemente das Training.

 
 
 
 
 
 
   
   
   
   
   
           

In dem Trainingszelt, in dem die Gruppe Clownerie trainiert, geht es deutlich ruhiger zu als bei den anderen Gruppen, aber auch hier wird viel gekichert. Schließlich soll das Puplikum unterhalten werden, und das will gelernt sein. Herr Richter und Marco spielen den Kindern die Clownszenen vor und üben dann mit ihnen jeden Satz. "Besonders ruhige und zurückgezogene Kinder kommen im Schutz der Rolle des Clowns aus sich heraus", erklärt Gerhard Richter, "manchmal verfügen gerade die Schüchternen über ein unglaubliches kreatives Potenzial, von dem sonst nie jemand etwas mitbekommen würde."

 
 
 
 
 
 
         

Die Orientalshow wird von Gabi Richter, Schwester von Gerhard Richter und ehemalger Schlangentänzerin, eingeübt. In einer eindrucksvoll mit Kamelen, Fakiren und Bauchtänzerinnen choreographierten Show lernen die Kinder, sich im Rhythmus der Musik den vorgegebenen Bewegungen in der Gruppe anzupassen oder auf Scherben zu liegen, ohne sich dabei zu verletzen. Auch die Hula-Hoop-Gruppe wird von derselben Trainerin angeleitet. Die Kinder lernen einen oder mehrere Hula-Hoop-Reifen am Hals, am Bauch und an den Armen in Bewegung zu bringen und am Körper zu halten.

 
 
 
 
   
   
           
 

Eröffnet wird das Programm mit einer Pferdedressur: Ein Kind bringt den schwarzen Hengst Goa dazu, sich um seine eigene Achse zu drehen, die Vorderfüße auf das Podest zu stellen und sich zu verbeugen. Gerhard Richter betont, wie wichtig es bei dieser Nummer sei, dem Pferd gegenüber selbstbewusst aufzutreten. Gleichzeitig ist es für das Kind ein erhebenes gefühl, mit so einem großen Tier zu arbeiten. Das Moderieren übt der Zirkusdirektor mit den Kindern. Zwei Kinder führen durch die Show. Hier kommt es darauf an, klar und deutlich zu sprechen und das Puplikum auf die zu erwartene Show einzustimmen. Für die Organisation der Requisite werden jene Kinder eingeteilt, die neben ihren anderen Aufgaben noch Zeit haben. Nur die Ton- und Lichtanlage wird jeweils von den Trainern selbst bedient.

 
   
   
   
   
   
   
   
           
           
  Aufführung der Zirkustrainer  
           
 

Jeden Tag versammeln sich die Kinder, nachdem sie an einer Trainingseinheit teilgenommen haben, im Hauptzelt. Zirkusdirektor Richter erklärt, dass seine eigenen Kinder jetzt einige ihrer Kunststücke zeigen werden. Das Licht wird gedimmt, die Musik geht an, und Julia, eben noch in Jeans und rotem Trainersweatshirt, führt im eleganten Glitzeranzug und mit professionellem Lächeln ihre waghalsig ausehenden Figuren am trapez vor. Auch Dennis und Marco präsentieren ihre Akrobatischen Fähigkeiten und unterhalten die Schüler mit einer lustigen Slapstickshow, inklusive beeindruckender dreifach Standsaltos und Mehrfachschrauben. Die Kinder sind sichtlich beeindruckt und johlen vor Begeisterung.

 
 
 
 
 
 
         
         
  Umgang mit den Tieren im Mitmachzirkus  
           

In den Stallungen hinter einem der Trainingszelte sind die Tiere untergebracht. Es gibt acht Kamele, vier Lamas, vier Esel, und zehn Pferde. Die schüler haben nicht nur die phantastische Möglichkeit, durch das tägliche Pferdetraining und die Zusammenarbeit mit ihnen für die Zirkusvorstellung den Tieren näher zu kommen, sondern sie können auch während ihrer Freizeit mithelfen, die Tiere zu füttern, sauber zu machen, und erfahren dabei noch allerhand über die Pflege ihrer Lieblinge, beispielsweise durch den Besuch eines schmieds, der die Hufe der Tiere schneidet. "Dadurch lernen die Kinder, Verantwortung für die Tiere zu übernehmen", erklärt Herr Richter.

 
 
 
 
 
 
 
           
 

Im Mitmachzirkus Neukölln erwartet dieKinder ein Lernumfeld, das die Sinneswahrnehmung in vielfältiger Weise fördert. "Die Tiere gehören zu uns, sind Teil unserer Familie", sagt Gerhard Richter. "Sie machen zwar viel Arbeit, aber der Umgang mit den Tieren gehört für mich zum Zirkus und Projekt unmittelbar dazu. Es ist einfach schön, nach einem anstrengenden Tag noch mal nach den in aller Gelassenheit vor sich hin kauenden Kamelen zu sehen." Den Kindern geht es nicht viel anders. In jeder freien Minute laufen sie zu den Tiergehegen, freuen sich, wenn sie sich um die Lamas, Kamele, Esel und Pferde kümmern dürfen.

 
 
 
 
 
           
 

Der Umgang mit Tieren ist insbesondere für Kinder ideal, denen es an sinnlichen Erfahrungen und seelischer Zuwendung mangelt. Das Lernen eines rücksichtsvollen Verhaltens gegenüber Tieren und die Übernahme von Verantwortung können Kindern helfen, die Welt umfassender zu erleben und zu begreifen. Deshalb hat Gerhard Richter das Trainingskonzept so entwickelt, dass die Kinder sehr viel Zeit draußen bei den Tieren verbringen.

 
   
   
   
   
           
           
  Generalprobe und Zirkusvorstellung  
           

Julia kommt mit einem Berg glitzender Kostüme aus einem der Zirkuswagen, ihr hinterher ein kleines Mädchen, das hinter einem hohen Stapel Mexicohüten auf den Armen kaum zu sehen ist. Die Kinder im Vorzelt sind wie ein Ameisenhaufen, den offenbar nur Julis unter Kontrolle hat. "Julia macht hier fast alles", berichtet der Zirkusdirektor stolz. "Sie entwickelt die Choreographien, stellt die Musik zusammen, und keiner kann die Kinder so schnell und geschickt umziehen wie sie." Bei der Generalprobe am Freitag klppt zwar vieles noch nicht perfekt, aber angesichts der bevorstehenden Aufführung am nächsten Tag sind die Kinder hoch motiviert. Wenn es sein muss, weisen sie sich auch schon mal gegenseitig zurecht, bevor der Zirkusdirektor einschreiten muss.

 
 
 
 
 
 
 
   
           
 

Am nächsten Tag ist es endlich soweit - ein Moment, auf den die Kinder eine Woche lang hin gelebt haben. Gabi Richter sitzt im Kartenhäuschen. Der Popcornstand hat seine Luke aufgeklappt. Nachdem sich die Eltern auf den Zuschauerbänken niedergelassen haben, wird es dunkel. Ein Spotlight schwenkt auf die Manege, der Zirkusdirektor erscheint in blauem Frack mit Goldlitzen und eröffnet feierlich die Vorstellung. "Die Kinder waren super, alle haben während des Trainings ihr Bestes gegeben", sagt er und übergibt das Mikrophon der jungen Moderatorin, die nun das Programm eröffnet.

 
   
   
   
   
   
           
 

Die Eltern freuen sich, ihre Kinder in der Manege zu sehen. Besonders die Orientalshow mit Kamelen und Lamas sowie die Nummer mit den mexikanischen Tellerdrehern kommen beim Puplikum gut an. Entsprechend ausgelassen ist die Stimmung im Zelt, als die Kinder am Ende der Vorstellung noch einmal mit allen Tieren in der Manege erscheinen und sich von ihrem Puplikum verabschieden.

 
 
 
         
 

"Wir wollen keine Zirkusakrobaten ausbilden - das Projekt ist ein Beitrag für den Schulunterricht," Mit diesen Worten macht Herr Richter deutlich, dass es eigentlich ganz einfache Mittel sind, die er nutzt: "Ich muss den Kindern die Chance geben, etwas zu machen, das mir die Möglichkeit eröffnet, sie zu loben. Also muss ich herausfinden, was ein Kind gut kann, damit es motiviert wird, das lässt sich dann auch auf andere Bereiche übertragen." Ob das so einfach ist? "Man brauch natürlich viel Geduld und vor allem Leidenschaft", ergänzt der Zirkusdirektor. "Mit unserem eigenen Zirkusprogramm sorgen wir für professionelle Unterhaltung, das ist auch schön. Aber mit diesem Projekt, das sehr viel anstrengender ist als unser bisheriges Zirkusleben, können wir etwas für unser Umfeld tun. Das motiviert mich und gibt mir Kraft im Trainingsalltag."

 
 
 

 
 
 
 
       

ZURÜCK